Meinen ersten Kontakt zur Schrift hatte ich im Jahr 1950, als mich der Beruf eines technischen Zeichners wählte. Die DIN-Normschrift war der Leitstern am technischen Himmel und sie lehrte mich Disziplin, Ausdauer und Genauigkeit, weil sie damals ausschliesslich von Hand geschrieben wurde.
Was ist Kunst? - Was ist Kitsch? - Was ist Kreativität? - Biertellerkalligraphie - Experimentelle Kalligraphie - Der Weg ist wirklich das Ziel - Die vier K's - Über den Inhalt kalligraphischer Arbeiten - Nachtrag

 


Erst fünfzehn Jahre später kam ich in Berührung zu alten Schriften. Die Textura und die Fraktur lernte ich autodidaktisch, allerdings trieb mir später ein geduldiger Lehrer einige kalligraphische Flausen aus.

 



Das es auch noch andere Schriften gab, merkte ich viel später. Langsam stockte ich mein Repertoir an Schriften auf mit der UNZIALIS, der humanistischen Kursiven, mit Pinselschriften und als Besonderheit die als typographische Letter schreibbargemachte  Zapfino. Neue Alphabete präge ich mir möglichst schnell ein, damit mir beim Schreiben die Spontanität nicht verloren geht.



Eine der schönsten Schriften ist die Kapitalis Monumentalis ( ANTIQUA ). Sie ist und bleibt die Königin aller Schriften, zum Schreiben ist sie aber sehr anspruchsvoll.



Eigentlich wäre die ANTIQUA die perfekte Basis für einen kalligraphischen Anfänger, sofern diese sich etwas in Geduld üben würden und sich nicht an den ach so schönen Zierschriften überfordern.



Sprüche und Lebensweisheiten zu schreiben von all den bekannten Herren wie Goethe, Schiller, Konfuzius, Khalil Gibran, Gotthelf, Balzli und Keller, davon hatte ich bald einmal genug. Eigene Texte sind ehrlicher ( Frohe Fresstage ! ) , machen mehr Freude, dürfen sogar stuben-un-rein, spöttisch und ironisch sein.



Interessant an der Kalligraphie ist das Experimentieren. Allerdings will ich dazu nur meinen Kopf und meine Hand einsetzen, ohne Computer GmbH.



Immer wieder versuchen namhafte Kalligraphen die unsichtbare und berühmte letzte Grenze zu überschreiten. Da ich keine Ahnung habe wo ich diese Grenze finde, bleibe ich beim ganz einfachen Spiel mit Buchstaben !



Ohne Spontanität und ohne das Wissen wie Buchstaben aufgebaut sind, entstehen keine solchen Bilder. Aber auch sehr einfache Schreibwerkzeuge ergeben interessante Bilder. Nachfolgendes Bild entstand mit einem schwarzen 0,1mm Filzschreiber. Die kleinen Zwischenräume sind mit beliebiger Farbe zu füllen.



Faszinierend sind auch die Zwischenräume von Buchstaben resp. Wörtern. Zwischenräume sind mindestens so wichtig wie der Buchstabe selbst. Oft genug werden Zwischenräume sträflich vernachlässigt.



Auch nur Teile von Buchstaben können zu spannenden Bildern führen. Ob der Text lesbar bleiben soll, entscheidet nur der Schreiber. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als ein Risiko einzugehen, frei von allen bisherigen Vorschriften.



Die nachfolgenden Bilder sollen dem Anfänger Mut machen zu eigenen Kreationen. Vergesst nie, dass eigene Ideen, eigene Kreationen tausend Mal besser sind als die beste Kopie. Kopieren ist statthaft, jedoch nur so lange bis der Schreiber weiss wie etwas gemacht wurde. Eine solche Kopie wäre aber einer Ausstellung unwürdig. Es ist nie gut wenn ein Betrachter eines Bildes erahnt, welcher Lehrer seine Hände im Spiel hatte. Spielen mit Buchstaben ist besser, als spielen mit der Schönheit !
Ganz herzlich, Hugo J. Schärer, Hallerstrasse 20, CH-3604 Thun ( 2007)



Alle meine Kalligraphielehrer sind mir sicher dankbar, dass ich sie mit meinen Arbeiten nicht in den Wahnsinn getrieben habe :

Willi Grüness CH;  Andrè Gürtler CH;  Andreas Schenk CH;  Herbert Maring D;  Erich Hock D; Jean Larcher F;

Martina Schmidt CH; Katharina Pieper D; Steven Skaggs USA; Peter Thornton  GB;

Karlgeorg Hoefer D ( 1914 - 2000 ); Gottfried Pott D; Jovica Veliovica; Roland Nyffeler CH

ENDE

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N a c h t r a g

Das Attribut „Künstler“ ist eigentlich für mich ein Gräuel. Das riecht so schrecklich nach Retorte, niemand weiss heute genau was das Wort bedeutet und ich muss zugeben ich weiss es auch nicht ( mehr ). Früher waren es arme Teufel (das soll heute keine Bedingung sein ),  die nur für ihre Arbeit lebten und litten. Einige bekamen ein Essen ( ? ) für ein Bild, das heute für Millionen ersteigert  wird  (vanGogh 1853 – 1890 ). Aus Langweile greifen heute viele zum Pinsel,  hoffen auf ihre Entdeckung möglichst noch zu Lebzeiten und hängen sich das Attribut „Künstler“ gleich selbst an.

Politik finde im Vorzimmer der Prostituition statt, sagte der französische Politiker Pierre Mendès-France ( 1907 – 1985 ). Mit der Kunst wird es etwa das gleiche sein,  Aufmerksamkeit betteln um  jeden Preis. Kunst wird zur Nebensache, die Präsentation zu Hauptsache. Trotzdem liebe ich die Kunst und es gibt sie noch, die Rosinen, die Suche braucht  Geduld und offene Augen. Ob nun Kalligraphie Kunst ist oder nicht ist mir eigentlich egal. Ich schreibe weil ich grosse Freude daran habe, weil es viele Gleichgesinnte gibt, mit denen man fachsimpeln kann, oder auch nur über etwas interessantes zu schweigen ! In der Kalligraphie hat alles Platz, sowohl die  antiken wie auch die modernen Arbeiten.  Ich liebe die experimentelle  Richtung und ich zeige anschliessend wie eine solche Arbeite entstehen könnte.

 Die „moderne“ Kalligraphie sollte sich vom  eigentlichen Schönschreiben befreien. Befreien kannst du dich aber nur von etwas was du vorher erlernt hast und wichtiger, wenn du dich davon befreien willst! Unter den Karikaturisten ist der Kameltest eine beliebte Uebung. Die kalligraphische Version besteht darin, die beiden Buchstaben A und a in mindestens zwanzig Varianten zu schreiben.  Wenn du dich dabei fragst: „Darf me das ?“, wenn du fragst : „Heissts öppis ?“, dann solltest du die Finger  vom experimentellen  Schreiben lassen.

Experimentelles  Schreiben bedeutet ( fast ) grenzenlose Freiheit auf dem Papier. Die praktisch einzige Schrift welche sich dazu eignet ist die humanistische Kursive.  

Um mit dieser Schrift zu experimentieren braucht es  innere Freiheit und den Mut sich dieser Freiheit zu bedienen und zu stellen.  Nun nimm einen dicken Filzschreiber und schreibe ein abc gleich welcher Art, nur nicht zu gross.

Wenn die Sache so aussieht bewegst du dich auf falschem Pfad. Buchstaben dürfen ineinander verflochten werden, sie dürfen übereinander geschrieben werden, also etwa so wie das nachfolgende Bild.

Experimentelles Schreiben hat nichts zu tun mit Schmieren und fast nichts mit Zufall. Mit einer Idee an ein neues Bild heran zutreten bedeutet kämpfen, ändern, wegwerfen und neu beginnen und vielleicht hast du das Glück ein Bild genau nach deiner Vorstellung zu beenden. Mit einer eigenen Idee an ein neues Bild heran zutreten ist besser als um Inspiration zu beten. Was war zuerst da, das Zündhölzchen oder die Idee ?

Viele Schreiber ( ich auch ) möchten sich gerne mit expressiver Kalligraphie befassen. Expressiv ( lat. ausdrucksvoll ) arbeiten bedeutet, sich während einer bestimmten Stimmung ( z.B. fröhlich, sinnlich,  melancholisch ) mit Kunst befassen. Diese Stimmung sollte dann im Betrachter die gleichen Gefühle auslösen wie sie der Kunstschaffende während der Arbeit hatte. Dies ist ein sehr schwieriges Unterfangen und auch grosse Malermeister haben sich daran schwer getan. Ob der Expressionismus in der Kalligraphie Platz hat, wage ich zu bezweifeln, aber ich lasse mich gerne überraschen.

Viel mehr gibt es nicht zu sagen. Nütze deine neue Freiheit auf dem Papier, schreibe einmal mit geschlossenen Augen fünfzig Mal deinen Vornamen auf ein Papier, schreibe einmal nur mit der linken Hand. Du wirst überrascht sein was dabei entsteht. Suche nach neuen Werkzeugen, schreibe einmal mit einem Tannzapfen, oder nur mit dem Finger, nimm ein Grasbüschel oder ein Büschel kleine Vogelfedern, das tönt auch recht erfolgversprechend.  Auf deinem Schreibweg wünsche ich die viel Erfolg und vergiss nie Erfolg wird ohne „h“ geschrieben ! 

                                           Ganz herzlich, Hugo Schärer

                                           hugo.j.schaerer@hotmail.com

                                           www.hugovonthun.ch